In einem Gespräch tauchte vor meinen Augen plötzlich eine Stelle aus dem Johannesevangelium auf: der „Wettlauf“ von Petrus und dem Jünger, „den Jesus liebte“ zum Grab Jesu (Joh 20,3-9). Die zwei haben sich auf den Weg gemacht, weil Maria Magdalena gelaufen kam, um zu sagen, dass der Stein nicht mehr vor dem Grab liegt. Daraufhin gehen die beiden los, sie laufen miteinander. Aber der Jünger, „den Jesus liebte“, ist schneller als Petrus. Er kommt als erster zum offenen Grab und schaut hinein, betritt es aber nicht. Dann kommt auch Petrus – mit wie viel Abstand wird nicht gesagt. Gewohnt tatkräftig geht er gleich in das Grab hinein und sieht die Tücher, offensichtlich ohne Leichnam. Eine Reaktion wird von Petrus nicht berichtet. Was er wohl gedacht hat? Denn noch in einer zweiten Weise ist der andere Jünger „schneller“: Nach Petrus geht auch er ins Grab. Er ist der erste der Jünger, von dem gesagt wird, dass er sieht – und glaubt. Noch vor Petrus. Noch bevor sie sich eingehend mit ihrer heiligen Schrift beschäftigt und darin nach Erklärungen gesucht haben.
Soweit die Ostererzählung des Johannesevangeliums. Mir hat sie in diesem Jahr deutlich gemacht, dass wir wie im Leben auch im Glauben unterschiedliche Geschwindigkeiten haben und haben dürfen. Nicht immer können wir Zeichen sofort deuten. Wir brauchen Zeit. Das Tröstliche ist: Jeder und jede hat die eigene Zeit, die wir uns auch nehmen dürfen. Der Jünger, „den Jesus liebte“, hat seine Zeit, Petrus, Maria Magdalena, die anderen Jünger – und der Zögerer Thomas. Alle haben sie ihre Zeit, um zum Glauben zu kommen. Das Evangelium wertet nicht. Hauptsache, wir bleiben auf dem Weg und lassen uns von Zeichen ansprechen oder zumindest nachdenklich machen.
Für mich ist es ein großes, hilfreiches Geschenk, dass ich in einer Weltgegend wohne, wo Ostern mit Frühling zusammenfällt. Nach der wie tot scheinenden Natur im Winter knospt und blüht es an allen Ecken und Enden. Wenn ich es nicht aus Erfahrung besser wüsste: unerwartet, überraschend. Das ist für mich ein starkes Zeichen, dass ich auf ein Leben aus dem Tod vertrauen darf.
Wir feiern Ostern. Wir feiern den Auferstandenen. Mitten in allem, was derzeit unsere Welt beherrscht : Krieg, Tod und Gewalt. Und dem allem zum Trotz: Wir feiern das Leben! Es wird siegen.
Sr. Anneliese Herzig, Wien